SOLIDARITÄTSAKADEMIEN BESCHEIDENE BEITRÄGE ZUM FRIEDEN



KONFERENZ DATUM

07 Okt 2017 15:00 

Sprachen

Türkçe

vorbereitende Person

Dr. Ahmet Kerim Gültekin



Solidaritätsakademien: Bescheidene Beiträge zum Frieden

„Politisch bin ich ein Anarchist. Ich hasse Staaten, Regeln und das Festgenommen werden. Ich kann es nicht ertragen, eingesperrte Tiere zu sehen. Die Menschen müssen frei sein, und auch die Liebe…“ (Şerdıl Cengiz, 2016, einer unserer Studierenden, bevor er während einer Demonstration in Diyarbakır, die sich gegen die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung in der Provinz Sur richtete, erschossen wurde) ‚Krieg‘ und ‚Frieden‘ werden gemäß der gängigen sozialwissenschaftlichen Ansätze meist als eine gewöhnliche Art und Weise akzeptiert, in der Homo sapiens komplexe Beziehungen zur Natur und anderen Mitgliedern seiner Art aufbaut. Ziel könnte dabei sogar sein, die Umwelt aus ökonomischem Interesse auszubeuten oder schlicht, Kontakt zu ‚anderen‘ Gesellschaften herzustellen. Allerdings ist Krieg schon immer ein destruktives Phänomen gewesen, dessen Folgen die Menschen (und alle anderen Lebewesen) nicht entkommen können. An diesem Punkt sollten wir jedoch zweierlei Arten von Krieg unterscheiden: vor dem Aufkommen des modernen Nationalstaates als sozialer, politischer und militärischer Organisation, und danach. In der Geschichte gab es zwar immer verschiedene Formen sozialer Organisation, aber im Allgemeinen haben Kriegsakte ihren zerstörerischen Charakter erst erlangt, seit der moderne Nationalstaat zum wichtigsten politischen Akteur geworden ist. Wenn wir uns zum Beispiel ethnografisches Material über Gesellschaften anschauen, die nicht staatlich verfasst sind, so sehen wir, dass Kriegsakte sich dort üblicherweise auf kleinere territoriale Ansprüche oder die Verteidigung natürlicher Ressourcen beziehen. Krieg geht hier schlicht aus der ökologischen Grundlage des Überlebens hervor. In staatenlosen Gesellschaften (z.B. Jäger-Sammler-Gesellschaften) lassen sich die zerstörerischen Effekte des Krieges auch in nicht-gewalttätige Handlungen, wie etwa Rituale, kanalisieren. Auf der anderen Seite können Kriege zwischen Staaten zu enormen Desastern für Mensch und Natur führen, wie wir in der heutigen Welt sehen und erleben. Wie wir aus Geschichte und Gegenwart lernen, sind Massaker, Genozide, Vertreibungen, Folter, Armut, die Zerstörung der Natur, Umweltkatastrophen und Erniedrigung die am weitesten verbreiteten Folgen von Krieg. Wir sind in der Tat gezwungen, in einer Katastrophe zu leben. Die Menschheit hatte nach den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts schließlich gelernt (oder sollten wir sagen, erfunden?), wie die ganze Welt zerstört werden kann. Diese Macht jedoch anzuwenden, schien zum Erhalt des kapitalistischen Systems nicht geeignet. In Folge dessen finden Kriege heute in der Form territorialer Auseinandersetzungen in Ländern der Dritten Welt oder zwischen ethnischen Gruppen statt. Diese Kriege sind billiger, und erscheinen notwendig, um ein globales System der Konkurrenz um Energiequellen zu managen. Daraus folgt in kultureller Hinsicht, dass wir von der Literatur über die Wissenschaft bis hin zum Alltagsleben in einem globalen System leben, welches in eine Ideologie übersetzt wurde, die eine neue Art politischer Identitäten und neue Formen sozialen Lebens hervorhebt. Als ein Land politischer Bewegungen, die auf wiedererfundenen Identitäten wie dem politischen Islam, der kurdischen Bewegung oder der Alewiten nach dem ‚Alevi Revival‘ beruhen, kann die Türkei leicht als Teil dieser jüngsten ideologischen Rekonfiguration verstanden werden. Als ein Teil des Mittleren Ostens, der zu einem Schlachtfeld geworden ist, hat die Türkei hohe Verluste durch aktuelle Konflikte erlitten. So starben zum Beispiel nach den Wahlen im Sommer 2015 über zweitausend Menschen. Als Fakultätsmitglied der Munzur Universität und Einwohner von Dersim (Tunceli) bin ich in den letzten Jahren selbst Zeuge vieler tragischer Kriegsfolgen geworden. Unmittelbar nachdem etwa im Sommer 2015 die Auseinandersetzungen zwischen der PKK und dem türkischen Militär begonnen hatten, wurden vier Personen in de rStraße in Dersim, in der ich wohne, ermordet. Militante der PKK hatten versucht, eine Polizeiwache einzunehmen; bei diesem verzweifelten, selbstmörderischen Versuch verloren zwei KämpferInnen, ein Polizist und eine Zivilistin ihr Leben. Dies ist nur ein einfaches Beispiel unter vielen anderen Tragödien, Toden, Gewalt, Zerstörungen und Vertreibungen unter denen wir zu leben gezwungen sind. Viele meiner Studierenden sind derzeit in Haft; einige sind verschwunden. Ich selbst war 2013, als ich noch Doktorand war, ebenfalls für mehrere Monate im Gefängnis. In den kommenden Monaten steht eine endgültige Gerichtsentscheidung in meinem Fall an, die höchstwahrscheinlich auf eine Gefängnisstrafe hinausläuft. Strafrechtlich verfolgt wurde ich aufgrund meiner politischen und wissenschaftlichen Aktivitäten, die sich auf die Organisation der populären Lokalverwaltung in Dersim bezogen. Was hätte ein Hochschuldozent unter diesen Umständen tun können? Oder, wie man ebenfalls fragen könnte: Was hätte getan werden sollen? Die AKP leistet einer fundamentalistischen Islamisierung und zunehmendem Nationalismus insbesondere unter jungen Menschen Vorschub. Straftaten, Schikanen, Vergewaltigungen und insbesondere Gewalt gegen Frauen und Kinder nehmen dramatisch zu. Zudem ist die Identität ethnischer Minderheiten ernsthaft von Assimilation und Gewalt bedroht. Unter diesen Umständen könnte es zum besseren Verständnis ethno-, homo- und geozentrischer Ideen sehr hilfreich sein, Vorlesungen zu halten oder öffentliche Seminare zu organisieren, die sich aus einer historisch-materialistischen anthropologischen Perspektive mit Begriffen wie Kultur, Identität und Religion befassen. Unter der Herrschaft der AKP ist das türkische Bildungssystem, vom Kindergarten bis zur Hochschule, leider durch fundamentalistische religiöse Doktrinen bedroht. Meiner Meinung nach ist eine Förderung säkulärwissenschaftlichen Wissens eine bescheidene aber konkrete Maßnahme gegen diesen sexistischen, ungleichen, nationalistischen und religiösen Diskurs und zur Verteidigung demokratischer Rechte in der Türkei. In meinem Vortrag werde ich einige Ideen diskutieren, die im Rahmen meiner Erfahrungen mit einer von uns nach unserer Entlassung aus der Universität im vergangenen Jahr gegründeten alternativen Hochschule entstanden sind.

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