ZWEI BEGRIFFE DIE SICH NICHT AUSSCHLIESSEN IM LICHT VON KLASSE UND IDENTITÄT DEN FRIEDEN DISKUTIEREN



KONFERENZ DATUM

07 Okt 2017 15:01 - 15 Okt 2017 23:59

Sprachen

Türkçe

vorbereitende Person

Dr. Atilla Güney

MODERATOR










Zwei Begriffe, die sich nicht ausschließen: Im Licht von Klasse und Identität den Frieden diskutieren

Das Ziel dieses Beitrags ist eine Diskussion der Aporien, die sowohl bei der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Begriff des Friedens als auch in den praktischen Bemühungen um Frieden auftauchen. Die erste dieser Aporien ist, den Frieden als einen Wert für sich zu betrachten oder zu behandeln, davon ausgehend den Kampf um Frieden in einen rein ethischen (moralischen) Kontext zu setzen und deswegen die an ihm beteiligten Personen, Gruppen oder Identitäten als ethische Position zu begreifen und so zu mystifizieren. Die zweite besteht darin, in poststrukturalistischer Weise Identitätspolitiken mit dem Kampf um Frieden zusammenzudenken und die jeweils unterdrückte Gruppenzugehörigkeit der hegemonischen gegenüber als friedliebend zu beschreiben (oder dabei vorauszusetzen, dass sie unausweichlich eine friedliche ist), dann von als Grundlage der Identitätsbildung angeführten psychologischen Erklärungen (wie der Dichotomie zwischen „ich“ und „dem Anderen“) oder ontologischen Annahmen (wie dem Gegensatz zwischen Freund und Feind) zu der Feststellung zu gelangen, Krieg und Kampf lägen im Grunde in der menschlichen Natur. Grundlegende Überlegung der hier vorgelegten Arbeit ist, dass der wichtigste Grund für diese beiden Aporien darin liegt, dass die Diskussion des Friedens im Rahmen dieses herrschenden Paradigmas das Verhältnis zwischen Weltpolitik und Kapitalismus vernachlässigt, dass dieses Paradigma in „ironischer“ Weise Klassenbeziehungen und -analyse „otherisiert“, ja geradezu ignoriert. Ausgehend davon, dass die in den letzten Jahrzehnten größtenteils von Identitätspolitik informierten theoretischen Arbeiten zum Frieden Klassenanalysen ignoriert oder – genauer – die Klassen-Realität (die nicht wie Identität ein Konstrukt ist) auf eine Form der Identität reduziert haben, geht es im ersten Teil des Beitrags in Polemik mit der poststrukturalistischen Identitätspolitik um die Verwüstung, die diese Herangehensweise dadurch angerichtet hat, dass sie den Begriff der Klasse nicht nur auf den der Identität reduziert, sondern auch aus dem Bereich der politischen Analyse heraus verschoben hat. Im zweiten Teil geht es um die Eröffnung einer neuen Diskussion über die These, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen dauernden Krieges und politischer Spannung es zu einer historisch selten anzutreffenden konjunkturellen Überlappung von der Ausbeutung von Arbeit und der damit verbundenen sozialen Spaltung einerseits und der Herstellung politischer Herrschaft und Politik über Identitäten andererseits kommt. Diese These soll einerseits über eine Analyse der kurdischen Freiheitsbewegung und des permanenten Bürgerkriegs in der Türkei beurteilt, andererseits mit Bezug über den Krieg in Syrien und im Iraq, in dem die kurdische Bewegung zugleich Objekt und Akteur ist, verhandelt werden. Ersteres zielt darauf, eine Analyse vorzuschlagen, die zum Verständnis der Beziehung zwischen Krieg, Klasse, Frieden und Identität in den Grenzen eines Nationalstaats beiträgt, letzteres eine Verständigung über die Bezogenheit von internationalem Kapitalismus, Krieg, Klasse, Frieden und Identität. So sehr oben auch vorgebracht worden ist, dass auf theoretischer Ebene eine Polemik gegen die Herangehensweisen geführt wird, die den Kampf um Frieden bloß durch Identitätsbildungen und Identitätspolitik zu verstehen versuchen, so ist die schlussendliche Absicht doch nicht, Identitätsbildungen zu ignorieren, sondern sehr wohl innerhalb der gegenwärtigen Konjunktur das Verhältnis von Klasse und Identität in einer theoretischen Friedensperspektive zu synthetisieren und so eine neue Sicht auf den Kampf um Frieden zu eröffnen.

TOP